Auszeichnung Kategorie Pflegende Angehörige und Betreuung daheim 2026
Unermüdlicher Einsatz
VN/Katja Grundner • 12. Mai 2026
„Sie ist 19 Jahre alt, aber auf dem Stand eines mehrere Monate alten Babys“, beschreibt Hale Hämmerle den Zustand ihrer stark beeinträchtigten Tochter Selina (19). Der hohe und ständige Pflegeaufwand ist sehr belastend, aber die 45-Jährige legt alles daran, ihrem Kind viel Liebe und Freude zu schenken.
Selina ist vollkommen auf ihre Mutter angewiesen. Sie hat Pflegestufe sieben und kann weder sprechen noch gehen oder selbstständig essen. „An ihrem Schreien erkenne ich, ob sie Hunger hat, Schmerzen verspürt oder einfach nur schlecht gelaunt ist“, erzählt Hale. Ihre Tochter wird im Abstand von zwei Stunden mit pürierter Nahrung gefüttert und gewickelt werden muss sie alle drei bis vier Stunden.
An schlechten Tagen braucht sie viel Beschäftigung und Nähe, wodurch Hale kaum Zeit für andere Aufgaben wie die Hausarbeit bleibt. Hin und wieder gibt es auch unruhige Nächte, nach denen beide mit nur zwei oder drei Stunden Schlaf zur Arbeit beziehungsweise zur Lebenshilfe gehen. „Doch abgesehen von solchen Phasen ist sie sehr unkompliziert“, sagt ihre Mutter.
Einen Tag nach Selinas Geburt wurde bei ihr das Down-Syndrom festgestellt. Rund ein Jahr später kam eine Epilepsiediagnose hinzu. „Am Tag hatte sie
teilweise bis zu 35 Anfälle“, erinnert sich Hale. Mit der Zeit brachte man die Epilepsie in den Griff, doch in den vergangenen Jahren kamen eine starke
Skoliose (eine Verkrümmung der Wirbelsäule) und Endometriose (eine Unterleibserkrankung) hinzu.
„Ich muss einfach“
Hale ist seit einigen Jahren alleinerziehend und arbeitet Teilzeit. Viermal pro Woche ist die Ordinationsassistentin bis zum Nachmittag im Dienst und übernimmt Selina danach sofort von der Lebenshilfe. Zeit für sich selbst bleibt ihr nur selten. Jedes zweite Wochenende ist Selina bei ihrem Vater, und auch Hales 26-jähriger Sohn sowie eine Freundin passen hin und wieder auf ihre Tochter auf. Doch oft erledigt die zweifache Mutter in dieser „freien Zeit“ in Ruhe die Hausarbeit, den Einkauf oder Behördengänge.
„Das Herausforderndste ist, sich selbst nicht zu verlieren und seine Ziele trotzdem zu verfolgen“, sagt die Lauteracherin. Ein großer Wunsch von ihr wäre es, eine ein- bis zweiwöchige Reise am Stück zu machen. Doch erstens gibt sie Selina über Nacht nur in die Obhut von Menschen, die sie gut kennt, um sicher zu sein, dass sie gut behandelt wird. Und zweitens bittet sie ungern um Hilfe oder um einen Gefallen. „Schlussendlich brauche ich nicht viel – manchmal ein Spaziergang oder ein Kaffeetrinken mit Freunden gibt mir schon viel.“
Auch wenn Hale durch die Pflege täglich erschöpft ist, findet sie dennoch Kraft, um anderen Eltern mit beeinträchtigten Kindern zu helfen, zum Beispiel beim Ausfüllen von Anträgen, bei Telefonaten und mit Informationen. Woher sie die viele Energie nimmt, weiß sie selbst nicht. „Ich bin es nicht anders gewohnt. Ich muss einfach.“ Hin und wieder weint sie aus Erschöpfung. Doch dann sieht sie das Lächeln ihrer Tochter und weiß, warum sie all das auf sich nimmt.











